The Garbage & the Flowers — Cinnamon Sea
So ganz fassbar scheint das Phänomen The Garbage & the Flowers nicht zu sein. Obskur könnte man die Band vielleicht nennen, scheint doch bis auf ein paar einfache Fakten recht wenig bekannt. Das mag durch den Umstand begünstigt sein, dass die Formation eher punktuell auftritt; mal ein Album-Release hier, mal ein paar Konzerte da. Ein lückenloser Lebenslauf sieht anders aus.
Was wiederum gegen eine Charakterisierung als obskur spricht, ist das stets wiederkehrende Lob aus den eigenen Reihen. The Garbage & the Flowers sind, das darf man wohl konstatieren, weitestgehend unbekannt. Kern der Band sind die beiden Gründungsmitglieder Helen Johnstone und Yuri Frusin, die sich im Wellington der 80er kennengelernt, und seit den 90ern mit einer Vielzahl an konstant wechselnden Begleitern Musik als The Garbage & the Flowers veröffentlicht haben. In den wenigen Porträts, die sich finden, wiederholt sich der Tenor, dass es sich um eine der einflussreichsten Bands für die neuseeländische und später australische (Underground?)-Musik hält, und es gehört in der Tat nicht so wahnsinnig viel Fantasie dazu, um eine musikalische Verbindung zwischen The Garbage & the Flowers und meinetwegen Tame Impala (bzw. was auch immer Kevin Parker gerade wach hält) zu ziehen. Sicher, die Ausdrucksformen unterscheiden sich bisweilen erheblich, der kleinste gemeinsame Nenner aber, der psychedelische Grundimpetus, ist in diesen beiden Vergleichspolen doch sehr klar erkennbar; und während Kevin Parker diesen meisterhaft im Hier und Jetzt verankert, wirkt jener Grundimpetus bei The The Garbage & the Flowers so als sei er Zerrbild des früheren Originals, durch die Zeitreise ein bisschen in Mitleidenschaft gezogen, sich der Distanz durchaus bewusst — im Unklaren nur darüber auf was sich die Distanz eigentlich bezieht.
Die jüngste Veröffentlichung fügt sich da ganz prächtig ein. „Cinnamon Sea“ ist eine verspätete Blaupause zu proto-psychedelischer Rockmusik, es spielt mit Hörgewohnheiten und Repetition, lässt Schritte in generischen Akkordfolgen aus, erinnert uns Zuhörer in letzter Konsequenz daran, dass wir alle darauf gepolt sind, etwas zu hören, was dann doch ausbleibt. Mit diesen Eindrücken wird ein Katz und Maus-Spiel mit dem Zuhörer gespielt, diese Techniken werden subtil angewandt. Wir wissen, da fehlt irgendwie was — aber es fehlt ja gar nichts. Dabei kleidet sich „Cinnamon Sea“ musikalisch weitestgehend ins Gewand der frühen Velvet Underground, mit dem Unterschied, dass die Gitarren aus dem Shoegaze der achtziger entliehen sind. Die Songs stampfen psychedelisch vor sich hin, es wiederholt sich vieles, die Gefahr des Strömungsabrisses schwingt subkutan mit. Und spätestens wenn die Band mit Red Star, dem dritten Song, einmal völlig aus der Reihe tanzt, zählt alles nichts mehr – die Diskrepanz zwischen Red Star und dem Rest der Songs ist so massiv, dass ich Schwierigkeiten habe, sie mit meinem um Nuancen bemühten kritischen Wortschatz zu fassen. Bleibt nur noch, einer Chronistenpflicht folgend darauf hinzuweisen, dass die Produktion fantastisch, weil geradezu zeitlos ist — genau das steht dieser Band extrem.
Vielleicht ist „Cinnamon Sea“ genau deswegen ein guter Startpunkt, um die reiche Diskografie von The Garbage & the Flowers zu durchstöbern. Gefällig ist daran nichts, das ist nicht mal die Kategorie in der man diese Hydra von Band begreifen könnte – das schert sie schlicht nichts. Es soll mit uns gespielt werden, und das passiert auf „Cinnamon Sea“ reichlich. Die EP ist beileibe nicht contemporary as fuck, entzieht sich Erwartungen und einfachen Urteilen, und zwingt dich in eine Auseinandersetzung.