Snail Mail — Valentine
Ein wenig hingeworfen und federleicht, so als ob es kaum etwas Einfacheres gäbe auf der Welt, mit 17 Jahren ein furioses Indie-Pop-Album zu schreiben. So oder so ähnlich ließe sich schlussfolgern, nachdem „Lush“, Snail Mails Debüt von 2018, seine finale Runde auf dem Plattenteller genommen hat. Wir waren alle beeindruckt. Nun ist in drei Jahren eine Menge Wasser den Jordan hinuntergeflossen und ganz so unbekümmert klingt „Valentine“ nicht mehr, was erst einmal eine einfache Feststellung sein soll — sicher keine Wertung. Die zehn Songs klingen halt jetzt erwachsen, nicht mehr so unbekümmert und ein bisschen auf Hochglanz poliert — was vor allem an der Produktion liegen mag, die den Radio-Airplay sucht (und sicher auch findet).
Lindsey Jordan hat in den vergangenen Jahren eine schmerzhafte Trennung durchlitten und sich sechs Wochen in Rehab begeben, was sich gar nicht mal unbedingt heraushören ließe, nur falls der/die ein oder andere nun die melancholische Metaebene vermissen sollte. Geändert hat sich allerdings der Ansatz. Gitarren werden während „Valentine“ gelegentlich gezupft, Synthies und Hip-Hop-Beats („Ben Franklin“) ergänzt und mit „c. et al.“ darf auch die Ballade nicht fehlen. Ein bisschen Kathryn Williams zieht ein, gehauchter Gesang und die gezupft Akustische verleihen dem Ganzen immerhin eine neue Facette. Vielleicht sogar die Art Reife, die Jordan nun als komplette Songwriterin etabliert.
Aber nach wie vor erinnert sie viel eher an die frühe Liz Phair, denn die guten Neunziger sind der offensichtliche Bezugspunkt, auch und vor allem was die gekonnte Heterogenität der zehn Songs betrifft. Denn dafür stehen die 1990iger: viele verschieden Einflüsse, die zusammengeführt werden dürfen – das Schubladendenken hatte dazumal endgültig ausgedient. Und nicht nur deswegen war diese Dekade so etwas wie der Aufbruch zu neuen Ufern und somit sicherlich eine willkommene Referenz. Der Ansatz mit zwei Alben zwei verschieden Stimmungen zu bedienen, gefällt. Ein wenig gefällig ist es vielleicht schon geworden, das neue Album. Aber es ist solide, es ist sogar richtig gut. Für wahre Begeisterung reicht es dieses Mal aber nicht.