OOI — Good Luck Charms
Ungefähr jede Rezension über neue Werke von OOI könnte ich mit einem Ausdruck der Verwunderung darüber beginnen, dass es bislang noch kein Album des Projekts gibt. Bislang haben OOI einen Backkatalog, der ganz reizend zum Veröffentlichungsrhythmus im Streaming-Zeitalter passt: eine erkleckliche Menge an großartigen Singles, eine drei Jahre alte EP, noch ein paar Standalone-Singles mehr und man muss sich zwangsläufig die Frage stellen, dass noch niemand auf den Plan getreten ist, um das ganze zusammen zu kuratieren. Es gibt zwei große Abers: Aber 1) das tendenziell eher ortsungebundene Trio strotzt nur so vor Kreativität – den bisherigen Backkatalog in einen Guss zu packen und einen Titel draufzuhauen, wird dem bisherigen Œuvre nun wahrhaftig nicht gerecht. Wer mag, kann aber eine Entwicklung zu unserem 2. Aber) entdecken: es ist so weit. Das erste Album „Good Luck Charms“ ist da.
So richtig verlässlich sind bei OOI eigentlich nur ein paar grundlegende Grenzziehungen. Beispielsweise ist das Personal konstant, und es ist auch recht deutlich, dass man versucht, Langeweile zu vermeiden. Grundsätzlich wird Wert auf interessante Sounds gelegt, die Beats sind auch von verlässlicher Exzellenz. Ah ja, und simple Wahrheiten will hier auch niemand singen. Und klassische Songstrukturen spielen auch keine übergeordnete Rolle. Innerhalb dieses, tatsächlich eh schon recht weit gefassten Bereichs, ist dann absolut nichts mehr vorhersehbar. Manchmal geht sowas entsetzlich schief, OOI aber nehmen sich diese kreative Freiheit mit größter Souveränität und einer untrüglichen Intuition für positive Überraschungen.
Es ist schwer, einen Song hervorzuheben – jeder ist eigenständig genug, um eigene Würdigungen zu erhalten. Ziehen wir das qua Platzierung offensichtlichste Beispiel einmal heran: der Opener, „Safari“, lebt ganz sicher nicht von seiner mitreißenden Struktur, aber genau das ist seine Stärke – er funktioniert in seiner geradezu fragmentarischen Erscheinung, weil die Paradedisziplin sitzt: Das musikalische Thema ist grandios. „I Wanna Die“ reißt dann gerade offensichtlich frech die Musik-Text-Schere auf, und diese Diskrepanz zieht sich dann thematisch weiter. Über die Single „In the Dark“ habe ich mich bereits an gegebener Stelle bewundernd gewundert. Und schließlich, um diese unvollständige Liste abzuschließen, steht ganz am Ende, quasi exakt gegenüber dem so perfekt unfertigen Opener, eines der auskomponiertesten Stücke der Band. In dieser simplen Nebeneinanderstellung wiederholt sich ein Phänomen, das man bei OOI seit den ersten Veröffentlichungen finden kann: Man hat das Gefühl, der Band beim Suchen und Finden zuzusehen und jeder einzelne Schritt auf diesem Weg lohnt genaues Hinsehen. Es gibt einige Alben in der Popmusik-Geschichte, die durch phänomenale letzte Songs auffallen.
So einen richtig schlüssiger Begriff für das, was OOI machen, fällt nicht ein. Man kann viele Labels finden, aber so richtig in Gänze greift man das Phänomen dieser Band nicht. Das Album hat Popqualitäten und geht lyrisch und musikalisch doch so viel tiefer als alles, was man im ersten Moment mit Pop verbindet. Denn für gewöhnlich kennen wir es als geübte und konditionierte Rezipienten ja so: Es gibt Alben, die von einer Idee leben und von einer Idee alleine, diese durchexerzieren und ins kleinste Detail ergründen und sind sie nur gut gemacht, kann es eine Freude sein, darin für einen Moment zu versinken. Es gibt auch Alben, die im ersten Moment unzugänglich scheinen, die erst nach dem zweiten, dritten Durchlauf wirklich anfangen, ihre Geheimnisse preiszugeben. Aber vereinzelt gibt es sie, diese (im weiteren Sinne) popkulturellen Erzeugnisse, die auf vielen verschiedenen Ebenen rezipierbar sind, und die ihren Reiz nicht alleine aus Vielschichtigkeit ziehen, sondern das Ebene um Ebene aufs neue überzeugt. „Good Luck Charms“ ist genau so ein Werk. Schon aufs erste Hören macht sich der Eindruck breit, dass man reich für sein Hören belohnt wird. Und jedes weitere Mal hört man andere Kleinigkeiten, stolpert mal hier über eine ungewohnte Harmonik, bleibt an einem anderen Textfetzen hängen, nickt in einem anderen Takt.