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Mark Lanegan — 1964-2022

Text: Tim Brügmann, 24. Februar 2022

Ein schwerer dunkler Schleier liegt auf Tagen wie diesen. Immer dann, wenn uns ein musikalischer Wegbegleiter verlässt, spülen die zahlreichen Nachrichtenschnipsel und Kondolenzbekundungen eine Flut an Erinnerungen in den Kopf. Dienstagmorgen, den 22. Februar 2022, verstarb der ewige Schmerzensmann des amerikanischen Rocks: Mark Lanegan, ehemaliger Frontmann der Grunge-Band The Screaming Trees, Poet und in letzten zehn Jahren vor allem eines – einer der umtriebigsten Solo-Künstler und begnadetsten Songschreiber unserer Zeit. Verstorben ist der 1964 in Ellensburg, Washington geborene Mark William Lanegan in Killarny, Irland, wo er zuletzt mit seiner Frau Shelley Brien lebte und im März 2021 nahe an seinen irischen Wurzeln eine schwere Covid-19-Erkrankung durchlitt. Der Titel seines letzten Werks lautet tragischerweise „Devil in a Coma“ und ist sogleich eine schmerzliche Erinnerung daran, dass auch Teufelskerle nicht unsterblich sind.

Rund siebenmal hatte ich die Ehre, einem der verkannten Eckpfeiler des Grunge zu begegnen. Den Stein wortwörtlich ins Rollen brachten um die Jahrtausendwende die Queens of the Stone Age, als sie diese mir bis dahin unbekannte bärbeißige Erscheinung für zahlreiche Songs ans Mikrofon und mit auch auf Tour nahmen. Als 2004 mit „Bubblegum“ das mittlerweile sechste seiner zwölf Solo-Alben erschien, manifestierte sich Dark Mark als mein Lieblingssänger der Stunde. Egal ob auf eigenen Pfaden oder zusammen mit Künstlern wie den Soulsavers, Isobel Campbell, sein an Schmirgelpapier erinnernder Kellerbariton sollte ein treuer Begleiter durch die guten sowie schlechten Seiten des Lebens werden. Songs wie „One Hundred Days“ oder „One Way Street“ wurden zu Hymnen auf nächtlichen Heimwegen, B-Seiten wie „Methamphetamine Blues“ oder „Mud Pink Skag“ zu lässigen Schenkelklopfern an lauen Sommerabenden.

Die vielen Konzerte, die ich in München, Salzburg, Köln, Berlin und Hamburg erleben durfte, gehörten stets zu den Highlights des Jahres. Von vielen als Misanthrop, von manchen liebevoll als „the meanest nice guy“ auf Erden bezeichnet, war der Zugang zu Mark Lanegan nicht immer leicht. Nachdenklich und ruhig blieb seine ansteckende und vor allem herrlich dreckige Lache nur wenigen vorbehalten, seine Gunst schien man sich immer wieder neu verdienen zu müssen: “If you’re in a roomful of people and wondering where Mark is, he’s usually standing on the other side of the doorway looking in—literally.“, umschrieb ihn Queens of the Stone Age Frontmann Josh Homme einst. Und doch fasste ich mir im Herbst 2018 ein Herz und traf einen der geheimnisvollsten Personen des Rocks in Köln endlich zum Interview. Ob ich mir sicher sei, fragte mich das Label damals. Und auch wenn man immer wieder von abgebrochenen Interviews, einsilbigen Antworten und seiner Allergie gegen zu persönliche Fragen hörte, konnte eigentlich nichts schiefgehen.

Der Abend im renommierten GLORIA begann unbeschreiblich, als gerade mal eine Handvoll Menschen einen Soundcheck von ganzen vier Songs erleben durften. Ein kleines Privatkonzert gefolgt von einem Gespräch mit einem meiner Helden, war ein unglaubliches Hochgefühl. Doch nach anfänglichem Überschwang fiel ich unweigerlich aufs Maul. Die Skeptiker behielten Recht, denn Mark Lanegan zeigte sich von seiner unangenehmen Seite. Sichtlich angespannt gab er sich wenig zugewandt und eine halbe Stunde zog sich wie Kaugummi. Vor den Kopf gestoßen und frustriert wurde ich vom Tour-Manager nach draußen begleitet. Seine Worte verwirrten dabei noch mehr als die mürrische Art Lanegans: „Nice work! That was actually one of the better interviews.“

Mark Lanegan spielte an diesem Abend dennoch eine seiner eindringlichsten Shows. Seine imposante Silhouette erhob sich über die Köpfe der ersten Reihe, sein Blick richtete sich meist gen Boden, seine unvergleichliche Stimme war in Bestform. Entrückt und unantastbar mag er wirken. Doch wer Mark Lanegan schon länger beobachtete, wusste ganz genau, wann er seine Augen noch einmal fester zusammenkniff. Oder wann sich seine tätowierten Dürer-Hände, die stets so wirkten, als hätten sie all das Übel der Welt im Alleingang erdrosselt, einen kleinen Tanz über den Mikrofonständer erlaubten.

Auf ewig in die zweite Reihe verdonnert, so schien es eine lange Zeit, avancierte Lanegan über die Jahre nicht nur zu einem der gefragtesten Gastmusiker überhaupt, sondern auch zu einem der respektabelsten Solo-Künstler unserer Breitengrade, eine Ausnahmeerscheinung im Meer der stereotypen Gleichförmigkeit. So gehören ihrerseits gefeierte Größen wie PJ Harvey, UNKLE, Moby, The Afghan Whigs, Peter Murphy, Mike Patton oder Nick Cave zu seinen Bewunderern. Die Liste derer, mit denen Lanegan sein Talent teilte, ist kilometerlang. Und das zurecht: Mark Lanegan ging Zeit seines Lebens nicht nur einmal durch die Hölle. Drogenexzesse, Alkoholsucht und Obdachlosigkeit gehörten ebenso zu seinem Leben wie seine Getriebenheit, all das in Songs zu gießen und Frieden zu finden.

Als 2020 seine Biografie „Sing Backwards and Weep“ erschien, war die Musikwelt schockiert von seiner Offenheit und der schonungslosen Umschreibung einer Zeit, die seinen einstigen Freunden Kurt Cobain und Layne Staley das Leben gekostet und sein eigenes auf wundersame Weise vorerst verschont hatte. Angreifbar machte sich der grimmige Teufel jedoch nie. Eine Herzklappe trug Mark Lanegan stets offen zur Schau, nur um die andere direkt hinterherzuwerfen. Alles andere als eitel trat er so 1992 mit blauem Auge bei David Letterman auf und trank eigentlich nie Whiskey, wie so oft von Kritikern betont, sondern lieber Gin & Tonic, später Red Bull. Nur das mit den Zigaretten, das stimmte wirklich.

Als nebulöser Crooner gefeiert, gleicht ein Bad in Lanegans Melancholie einer Reinwaschung. Bibelschwarz und doch hoffnungsvoll ließ er selbst in dunkelsten Zeilen immer wieder Licht eindringen, Hoffnung und Überlebenswillen. Nahezu prophetisch klingt sein über die Jahre aus dem Herzen geschlagener Blues, der von einem Leben berichtet, von dem man nur schwer glauben kann, dass es in gerade einmal 57 Jahren Platz gefunden haben soll. Mark Lanegan lebte für Musik mit Seele, verfolgte keine Trends und erfand sich immer wieder neu, wirkte vor allem auf seinen letzten Alben vitaler und positiver denn je.

Ein knappes Jahr nach unserer wenig ruhmreichen Begegnung in Köln, verteidigte ich meinen Platz in der ersten Reihe im ausverkauften STROM in München bis aufs Blut. Vergessen war der Groll über ein missglücktes Interview, die Faszination für das Live-Erlebnis Mark Lanegan überwiegte. Ohne Begleitung, ganz dem Sound ergeben und den Blick gerichtet auf jenes Urgestein, diese Melange aus Schmerz und Hoffnung, gehört der Abend vom 24. November 2019 zu meinen schönsten Konzerterlebnissen. Und so fasste ich mir erneut ein Herz und besuchte Mark am Merchandise-Stand, an dem er wie immer beharrlich Platte um Platte signierte. Sein von der schwarzen Tischdecke aufschauender Blick verriet, dass er mich erkannt hatte. Und seine Worte versicherten mir, dass die Erzählungen von seiner ehrlichen Haut und einem großen Herzen keine Märchen sind: „Sorry man, I was a little rough on you last time. Glad you came.“

Unser letzter gemeinsamer Moment endete mit einem freundlichen Händedruck, sanfter als man vermuten würde und ehrlicher als ich es erwartet hätte. „No worries and thank you!“, antwortete ich erleichtert. Worte, um die ich heute froh bin, denn es waren meine letzten an Mark Lanegan.