Lou Barlow — Reason to Live
Für einen kurzen Moment befinden wir uns wieder im Jahr 1982, ein sehr junger Louis Barlow nimmt seine ersten Songversuche auf. Es rauscht aus den Boxen, dann schrammelt leiernd eine Gitarre los. Für „In My Arms“ verwendete Barlow eine alte Aufnahme aus seiner Teenagerzeit als Einstieg und seine heutige Version spielt nach ein paar Sekunden einfach weiter. So als lägen dazwischen keine 40 Jahre, sondern nur ein paar Wochen zwischen dem ersten Demo und dem fertigen Song.
Etwas ähnliches versuchte Who-Gitarrist Pete Townshend letztes Jahr mit einer alten Aufnahme namens „Got Nothing To Prove“, die er mit Bläsern und Streichern vollstopfte, bis vom ursprünglichen Stück 60s-Pop nicht mehr allzu viel übrig blieb. Barlow gelingt es dagegen mühelos, die große zeitliche Lücke zu überbrücken. Das Sample wird zum Ausgangspunkt einer ganz persönlichen Reise durch die Zeit, an deren Ende Barlow schließlich bei sich selbst ankommt:
People have this vision of me as this heartbroken, depressed guy, but this record feels so true to who I am, to this rich life I now have full of people I love.
Gerade im Kontrast zum jüngst erschienenen Dinosaur-Jr.-Album wird bei „Reason to Live“ noch einmal deutlich, was wir an seinem Solo-Output haben. Hier wird geschrubbt, nicht gegniedelt. Behutsam, akustisch und oft nah an der Unvollendung bewegt sich Barlows häufig weit unter der 3-Minuten-Marke. Das recht, um alles zu sagen, was gesagt werden muss. Da er sich ja bei seiner Grumpyness J. Mascis nicht mehr als zweimal pro Album zu Wort melden darf, ist „Reason to Live“ sozusagen das Gegenstück zu „Sweep It Into Space“. Hintereinander gehört, gewinnen beide Platten zusätzlich an Größe.