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Delicate Steve — After Hours

Text: Lennard Göttner, 08. Juli 2022

Liedtexte können reine Poesie sein. Sie können verzaubern, protestieren, romantische und weniger romantische Gefühle verbalisieren und sie können einen echten Einblick in die Welt eines Künstlers und einer Künstlerin geben. Manchmal jedoch ist es genau derjenige Verzicht von derartigen Worten, der uns auf eine nicht ganz greifbare, unwirkliche und nahezu elysische Art und Weise berauschen kann. An dieser Stelle kommt – wenig überraschend – die Instrumentalmusik ins Spiel. Und egal ob Post-Rock-Epos, pulsierender Techno oder mühelos cooler Jazz: Es gibt eine ganze Reihe und Vielzahl von Musiker:innen, die auf große Worte verzichten und dennoch krachende und bahnbrechende Platten abliefern. Herb Alpert, Frank Zappa, John Coltrane oder aber DJ Shadow: Sie alle sind Pioniere und echte Wegbereiter der Instrumentalmusik. Ein Künstler, der sein musikalisches Schaffen ähnlich wortlos und gleichzeitig ebenso originell, subtil und mitreißend darbietet wie jene Genannte, hört auf den Namen Delicate Steve.

Musiker, Produzent und Gitarrenheld Steve Marion – wie er bürgerlich heißt – präsentiert mit „After Hours“ sein bereits fünftes Studioalbum. Ganz nach dem Motto „66er-Stratocaster her, Verstärker an und los!“ schafft Marion auf seinem Werk einen brillanten Mix aus ernsthaften, unbeschwerten und wahrhaft magischen Stücken. „After Hours“ verbindet Vintage-Soul-Grooves mit britpop-melodiösen Arrangements. Stets angemessen nuanciert und feinsinnig, lässt das Album Marions meisterhafte Darbietungen in den passenden Momenten schlichtweg gänzlich für sich sprechen. Der US-amerikanische Multiinstrumentalist bündelt die überwältigende Wucht der Musik in ihrer puren und unberührten Ausstrahlungskraft. „After Hours“ kann bittersüß, erfrischend und leicht und immer wieder höchst emotional sein; vor allem ist der Longplayer aber eine einzige Ode an die Musik. Diese Ode wird zum großartigen Track „Street Breeze“ gehörenden Video auch bildlich faszinierend eingefangen. Marion selbst fasst die oftmals nicht greifbare Stimmung seiner Stücke wohl am adäquatesten zusammen und beweist diesbezüglich dann auch doch noch seine lyrisch-poetische Versiertheit:

Wenn man kein Ziel vor Augen hat, ist man offen für die Möglichkeit, überall zu landen. Normalerweise ist das am Ende eine gute Sache.

Das Ergebnis dieser Ziellosigkeit ist das bisher wohl wärmste und einladendste Werk des US-Amerikaners. „After Hours“ ist sofort zugänglich und ein Album, das gleichermaßen zum Nachdenken anregt und unbeschwerte Heiterkeit vermittelt. Der Longplayer ruft auf eine ganz besondere Art und Weise das Gefühl hervor, am Ende einer inneren Reise zu stehen; wie es weiter gehen soll, ist zwar noch unbekannt, doch genau in diesem Moment, im Hier und Jetzt, fühlt es sich genau richtig an. Dass dieses aufkommende Gefühl nicht aus dem Nichts gegriffen ist, legt auch der Blick auf Marions eigenen Werdegang innerhalb der vergangenen zwei Jahre nahe. 2020 musste sich der aus New Jersey stammende Gitarrenvirtuose vorerst zeitweise aus dem Lärm der Musik zurückziehen. Marion lebte über ein gesamtes Jahr hinweg in der Wüste von Tucson, Arizona – und das vollkommen unplugged.

Nach dieser persönlichen Auszeit vom Trubel des Künstlerdaseins traf er eines Tages wie aus dem Nichts auf die bereits angesprochene 66er-Stratocaster, die seine Liebe zur Gitarre wieder vollends aufleben ließ. Retrospektiv lässt sich hier vielleicht von einer der wenigen Schicksalsfügungen sprechen, die wohl so gut wie jedem Menschen während seiner Zeit auf der Erde widerfährt – denn der Rest ist bis heute Geschichte. „Bis dahin hatte ich immer versucht, den Gitarrensound in unerforschte Gefilde vorzustoßen“, erzählt Marion, „aber als ich diese Gitarre in die Hände bekam, wurde mir klar, dass das Abenteuerlichste und Unerwartetste, was ich tun konnte, war, sie einfach an einen Verstärker anzuschließen und zu spielen.“

„After Hours“ ist trotz seines Verzichts auf Wort und Text ein wahrhaft persönliches Werk – und deshalb nichts anderes als das außergewöhnliche Zeugnis für genuine Kunst. Delicate Steve meldet sich fulminant zurück und präsentiert ein Album, das in die Geschichte der Instrumentalmusik einzieht und darüber hinaus schlichtweg nicht oft genug gehört werden kann.